Die letzte Schulstunde vor den Ferien

Und wieder haben wir´s  geschafft,
wenn auch zum Teil mit letzter Kraft;
noch Rotstiftflecken an der Hand,

die letzte Mahnung abgesandt,
Verkehrserziehung nachgetragen-
(wer wird wohl jemals danach fragen?).
Auch sonst das Klassenbuch ergänzt
und festgestellt, wer wann geschwänzt;
ein Schüler fragt, was die versäumen -,
der Lehrer lässt die Klasse räumen
und wartet, bis man sich geeinigt,
wer wohl mit wem die Tafel reinigt.
Sind dann die Stühle hochgestellt,
wird gestritten, wann es schellt.
Der Lehrer, nun inmitten des Gebrülls,
drängt auf Beseitigung des Mülls.
Da schrillt die Glocke ihm ins Wort,
fast reißt ihn die Stampede fort.
Ganz schwach noch hört er etwas wie:
“Und schöne Ferien auch für Sie!”
Die Antwort wird nicht mehr vernommen,
der letzte Schüler ist entkommen.
Der Pädagoge, jäh verwaist,
im Stillen diese Stunde preist,
verstaut sein Arbeitsutensil,
das Lehrerzimmer ist sein Ziel,
dort wird mit innerem Frohlocken
er sich in seinen Sessel hocken.
“Gottlob”, denkt er, “es ist vorbei,
für ein paar Wochen bin ich frei…”

Fortsetzung

da schreckt er hoch, es grüßt Demenz,
vergaß er doch die Konferenz!
Gehetzt eilt er ins OG zwei,
im Kopf dreht sich die Litanei;
-Kopierer doch privat genutzt?
-Zum Schluss die Tafeln nicht geputzt?
-Wie oft die Klingel überhört?
-Der Giftschrank, blieb er unversperrt?
Die Info-Tests für Klasse sieben
sind irgendwo auf der Strecke geblieben
und fehlen nicht immer noch in der Datei
die Prüfungsnoten vom vorletzten Mai?
Und da war doch was mit dem Büchergeld …?
Das Amt, es ist ein weites Feld,
zum Straucheln gibt´s genügend Wurzeln,
ein Wunder wär es, nicht zu purzeln.

Als Letzter betritt er Tagungsraum zwei;
der Saal ist voll, nur ein Platz frei –
ganz vorne, wo der sitzen soll,
der dran ist mit dem Protokoll!
Die Länge der Tagesordnung lässt alle erbleichen,
man beschließt einstimmig, sechs Punkte zu streichen.
Nur unsere rheinische Frohnatur
glaubt noch an ein Ende vor zwanzig Uhr.
Die Referendarin sieht elend aus,
ihr Blick schweift ständig zum Fenster hinaus;
auf dem Parkplatz dort wartet seit Unterrichtsschluss
ihr Freund mit dem startklaren Campingbus.
Am schnellsten erledigt ist der “Etat”,
denn davon ist eigentlich gar nichts mehr da.
Verteilen wir doch gleich die Sonderaufgaben,
damit wir das schon mal hinter uns haben:
Den Schüleraustausch machen Sie, wie gehabt,
das hat bisher ja immer sehr gut geklappt,
und Sie sind sicher auch gerne bereit,
für die Kollegin in Mutterschutzzeit
die Klassenleitung mit zu verwalten,
bis wir die geplante Vertretung erhalten.
Herr X muss noch in der Reha bleiben,
Ersatz für ihn ist nicht aufzutreiben,
nur ein Fall aus dem Eingliederungsverfahren,
der nach seinem Zusammenbruch vor fünf Jahren
mit den Schülern im Mathematikunterricht
am liebsten von grünen Männchen spricht.
Die Garten-AG hat keiner gewählt,
statt dessen wurde ein Antrag gestellt,
man hätte gern Stepp-Tanz und Sinologie;
meine Herren, wäre das nicht was für Sie?
Drogenbeauftragter wird, wie immer,
der Biologe mit Stammplatz im Raucherzimmer.
Auf Entlastungsstunden werden wir vorerst verzichten,
dann gäbe es Folgendes noch zu berichten:
Im Fall Meier gegen Schule ist das Urteil gefällt,
wir sind die Deppen, Meier junior der Held;
dem Widerspruch wurde nun doch stattgegeben,
wir werden zwei Noten von sechs auf vier heben!
Jetzt wird es sogar unserem Kölner zu doll,
er teilt lautstark mit, wat mer ihn könne soll.
Im Raum riecht es deutlich nach schwitzender Haut,
die Bitte um Öffnung des Fensters wird laut,
doch erfolgreich verhindert die Fröstel-Fraktion
die lebensrettende Lüftungsaktion.
Zwei Kolleginnen haben begonnen zu stricken,
der Dienstälteste droht langsam einzunicken.
Ein Referent zeigt an der Power-Point-Wand
per Säulendiagramm den Vergleichsleistungsstand.
Unser Ergebnis wird scharf kritisiert
und obendrein der Minister zitiert;
dass, wer Fünfen vergibt, einen Fehler mache,
denn Schülerversagen sei Lehrersache.
Schon wollen sich wütende Stimmen erheben,
da wird aus dem Info-Raum Meldung gegeben:
In sämtlichen Zeugnissen der Klassen acht
hat sich ein Druckfehler breitgemacht.
Sie werden, weil auch die Sportnote fehlt,
soeben vom Konrektor neu erstellt.
Die Klassenlehrer sollen nachher noch bleiben
und die Zweit-Exemplare gleich unterschreiben.
Der Rheinländer, ganz ohne Humor nun und Ironie,
bekennt geschlagen: Jetz kann isch nit mieh.
Der Rest rauscht nur noch an den Ohren vorbei;
Erlasse, die Aufsicht, Nachprüfung, kein Hitzefrei …
und alle, die im Sommer eine Fahrt machen wollen,
hätten diese bis gestern beantragen sollen.
Ein Letztes: Der Kühlschrank wird abgetaut,
da wäre es gut, wenn einer mal schaut,
ob in dem Topf mit grün schimmelndem Brei
noch irgendetwas Genießbares sei.

Der Protagonist hört, kaum kann er es fassen,
“…nun sind auch Sie in die Ferien entlassen.”
Er belädt sich mit Rucksack, Laptop und Tasche,
Korrekturen in Tüten, der Geburtstagsflasche
und vier Topfpflanzen aus der Biologie,
da reichen die Arme ihm bis an die Knie´.
Schwach, weil die Füße ihn kaum noch tragen,
schleppt er sich über den Schulhof zum Wagen.
Alles ist still, die Nacht sternenklar,
nur im Campingbus streitet ein Liebespaar.